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Ich muß – also – einen Ort finden, wo mich meine Geister nicht erahnen können. Wo ich langsam vernichtenden Widerstand hochkoche, ohne daß nach mir gesucht würde. Ich werde abnehmen, ich werde hungern und flach werden wie eine gefährliche Nachricht. Wie liebe ich meinen Atlas. Ein Seitenpaar steht immer für mich offen, der Atlas selbst aber wohnt sehr anbei, neben den leeren Flaschen auf dem Küchenschrank. In meinem Atlas werde ich feindlich schlafen, hinter der pastellbunten Nebenkarte eines längst entgrenzten Europa will ich meine persönliche weiße Stelle, mein in die Vergangenheit zurückschrumpfendes Versteck suchen. Österreich zum Beispiel, Österreich-Ungarn, natürlich, die in einem gelben Dauerton zusammenklingende Mischehe vieler Völker, könnte heiter werden: mit meinem sanft zielenden Mittelfingerdruck (wichtig - sich bei Fremden immer unaufdringlich und eher wie nebenbei einführen) das Land von hinten her ein wenig eindrücken, so daß sich der ausgestülpte Landkartenfleck leicht nach vorne wölbt, dann das dicke Papier mit einer unbenutzten Rasierklinge in zwei Zelluloseschichten teilen und mich selbst in die so entstandene feinhäutige Tasche einnisten; den Spalt in die Außenwelt aus Sicherheitsgründen sehr bald mit Spucke und Häme leicht verschließen; nun mich sorgsam umdrehen, Selbstkontrolle, Kompaß: keine Kavallerie, Abrüstung allen schweren Geräts, - Eroberung durch Zeit.
Nach der ersten Ruhe in meiner Papiernische (embryonale Rolle, Füße in Tirol, den Kopf vor Siebenbürgen) komme ich näher zu mir heran, recke mich auf dem Gebiet zweier Monarchien, trinke vom diffusen Licht, das seitlich und schmal von außen hereinrutscht in mein handwarmes, wasserloses Aquarium. Ein Name wendet sich von vorn zu mir herüber, sein ungeordnet flacher Blitz, spiegelverkehrt, ein galizisches Lila, das Nacht verspricht zu ungenannten Preisen. Meine erste Reise zu Lande, im Innern der Karte, - und nicht mal eine Wolke ist mir nötig als Gefährt, nur ein Einmal kurz die Augen Schließen. Und meine beste Tarnung ist mein eigenes Gesicht. Ich stehe gleich in einer dunkel verbundenen Straße, Häuser, die in Schnee gewickelt, jedes Stockwerk schon verlorener als jedes nächste. Die Reste Fischkopf werden mir unter den Sohlen weggeschnappt. Die Spuren Kohle, die ich erwarte vor den Kellerschächten, fehlen. Manchmal schweben frierend ohne anzuhalten lange Bärte an einem unsichtbaren immerwährenden Geländer. Und wenn ein Kopftuch kreuzt, sehr selten, - rot ist es und rund wie reichlich Kohl. Da steht ein Fenster offen. Zur Straße irrt die warme, vielgebrauchte Luft. Im Zimmer die drei Männer stehen ungeschützt vor meinen Augen. Aber sie können mich nicht sehen. Ich erwarte ihr Gespräch in einer Mauernische. Ganz in Schwarz gerinnen ihre Körper zu einem weichen Kubus Mensch. Ihre Gesichter haben einem Lebensalter längst entsagt. ‚Der Kaiser wird ihn schon reinlassen‘, sagt der eine. ‚Wenn er ihn nur erkennt‘, sagt der andre. ‚Wird sich schon zu erkennen geben‘, sagt der dritte, ‚der Messias.‘ ‚Das ist nicht sicher‘, sagt der erste. ‚Man fühlts‘, sagt der zweite. ‚Können Kaiser fühlen?‘, fragt der dritte. ‚Der Kaiser ja, - vielleicht, - aber die Grenzer?‘ ‚Die schlafen.‘ ‚Nur dann nicht, wenn sie es am besten täten.‘ ‚Kann doch für sich selber sprechen, der Messias.‘ ‚Er kann, - aber will er?‘ ‚Vielleicht, - vielleicht auch nicht.‘ ‚Würdest du ihn erkennen?‘ ‚Am leichtesten morgens, bei Tee und Zitrone, wenn der Hunger noch nicht so stark ist.‘ ‚Du hast Zitronen?‘ ‚Hätte welche, wenn der Messias kommt.‘ ‚Was weißt du das vorher?‘ ‚Ich hätt’s im Gefühl.‘ ‚Der Kaiser nicht?‘ ‚Der Kaiser trinkt Kaffee.‘ ‚Hat aber Zitronen?‘ ‚Also, was müßte er tun?‘ ‚Wer?‘ ‚Der Messias.‘ ‚Schreien müßte er.‘ ‚Oder laut schweigen?‘ ‚Beides am besten.‘ ‚Beides zugleich?‘ ‚Wer soll das können?‘ ‚Eben, der Messias.‘ ‚Darauf warten wir‘, sagt der eine. ‚Wir werden warten‘, sagt der zweite. ‚Also warten‘, sagt der dritte. Und sie trinken jetzt Sauermilch, die sie mit klappernden Bechern aus einer knappen weißen Schüssel schöpfen. Und wischen sich ihre Lippen. Bevor sie sich trennen, entgleite ich in meine Landkartentasche. Ich lasse mir ihre Worte schmecken, zu Hause, bei mir.
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