Sie sind hier: Romane Augen Kapitel 1


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In welchem unsichtbaren Wandbild hast Du gesteckt? In welcher abseitigen Schablone hast Du gewartet? Hast Du gewartet? Man verbirgt sich, um unerkannt zu warten. Du hast also gewartet, denn in meinem Rücken war Sicherheit. Ich hätte mit meiner Augenschere dieses Gefühl von Sicherheit leicht ausschneiden können, frei aus der Luft heraus – es wäre ein Engel geworden, einer, der eine Kapelle in milden grünen Hügeln bewohnt. Meine Schwester wird diese Figur zu mir herüber geschoben haben. Ich weiß, Deine Kleidung war aus Stoff, Deine Schuhe waren aus Leder, farblose Bedeckungen, die Nacktheit verhinderten, mehr nicht. Und Du standst auf einer einzigen Stelle, zu einer kleinen Gestalt verdichtet. Vorn vor Deiner Mitte Deine eine Hand in Deine andere gegeben, warme Verschränkung zu einem montierten Ball. ‚Die Apfelbäume im hinteren Teil des Gartens tragen dieses Jahr besonders gut‘ – hättest Du sagen können, und eine blauweiß gewürfelte Schürze wäre Dir von der Gürtellinie herabgeglitten. ‚Die Jäger haben ihr Bestes getan, Brot und Geräuchertes stehen bereit in der Diele‘, vielleicht auch so, und ich bemerkte, daß Braun und Grau sich verbünden können. Dein Haar spielte damit, aber Du hattest ihm sein Unruhestiften genommen, als Du es mit festem Zug nach hinten zusammenrafftest. Mir blieben Deine Augen. Sie zählten sich sogleich Jahrzehnte hinter das Alter Deines Haars zurück, geweitete Ellipsen, in Nußbaum, Rost und Tränenlack gebadet. Du wechseltest ein wenig die Stelle, dorthin, wo meine rechte Seite ist, und immer die winzige Spur hinter mir, gerade genug, um leichte, abwesende Worte zu tauschen. Wäre aus dem Hinterhalt aber ein Hornruf zum Angriff gekommen, hättest Du die Scheunentür mit aller Macht zugeworfen, - und ich bin sicher, Du hättest mich ohne Zögern hinter ihren Schutz mitgerissen. Was nicht nötig war, denn wir standen in einem harmlosen, schmalen Gang.

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Daß Du schreibst, ahnte ich gleich, - schon nach Deinen ersten Sätzen, die hinter ihrem Klang bereits wie gedruckt erschienen. Fragen kann ich Dich nicht danach, ich kenne Dich erst seit zehn Minuten.
Deine Schwester hatte mir nicht viel von Dir erzählt. Du seist in einer schlechten Phase und Ablenkung würde Dir gut tun. Doch Du willst Dich nicht ablenken lassen. Nicht hier. Denn dies ist nicht Dein Ort, Du gehörst hier nicht hin, man sieht es gleich. Unter Locken und Wollmantel bewegst Du Dich fern der Menge.
Auch mir stehst Du hier räumlich zu nah und geistig zu fern. Durch meine innere Brille sehe ich Dich nur verzerrt. Mein Blick rutscht von nutzloser Vergrößerung ohne Übergang in milchige Verschwommenheit. Immerhin erscheinen mir Deine Locken lockig und Deine Sätze geschrieben genug, um Dir mit klarerem Abstand wiederbegegnen zu wollen. Wir werden uns also treffen, vereinbaren wir, bald, aber ohne irgendetwas Genaueres zu bestimmen.

[...]

Offenbar ist es Deine Schwester, die sich für unser Wiedersehen entschieden hat. Ihre Ostergesellschaft besteht nur aus uns beiden, und so finden wir uns in ihrer Gartenlaube wieder. Zuerst einmal Brötchen und Sekt und was man beim Frühstück so spricht.
Dann endlich läutet das Telefon für Deine Schwester den ersten Moment für uns alleine ein. Das ist mein Moment, Dich nach etwas zu fragen, was seit unserer ersten Begegnung immer stärkere Wellen in mir geschlagen hat: Schreibst Du?
Du stimmst verhalten zu. Veröffentlicht sei eigentlich so gut wie nichts. Es habe auch kaum jemand etwas gelesen. Zwei drei Freunde, ganz sporadisch. Sonst wisse niemand, daß Du schreibst. Schon komisch, lachst Du, wo Du doch immer schon, Dein ganzes Leben lang geschrieben habest.
Worüber? Über Erinnerung an Zeiten aller Art und ganz bestimmte Orte... Du bleibst lieber allgemein.
Auch ich verhalte mich in Phrasen, weiß nur zu sagen, was man im Studium so lernt: Erinnerung, ja, kollektive Erinnerung, persönliche Erinnerung... Gibt es eine Erinnerung der Sprache?...
Nun willst Du es plötzlich konkreter: Erinnerst auch Du Dich an eine Sprache? Welche Sprache spricht Deine Erinnerung?
Ich weiß es nicht und gebe Dir die Frage zurück. Das hätte ich nicht getan, wenn ich geahnt hätte, wie Du Dich nun abwendest. Nicht antwortest. Verunsichert versuche ich abzulenken. Nein, Sprachen fühlen sich bei mir nicht zu Hause, aber wann kennt man schon eine Sprache? Mit manchen Augen geht es mir anders: ich habe das Gefühl, sie zu kennen... Jetzt schaust Du mich nicht mehr an. Entschuldigst Dich in die Küche. Als Du wiederkommst, versprichst Du, mir demnächst etwas von Deinen Texten zu schicken. Am nächsten Tag fährst Du nach München.


Kapitel 2