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Hierher bin ich nun wieder gefahren, Dich in der Manteltasche. Hinter mir liege ich selbst. In den letzten Zeiten hatte ich gelernt, bei Lebzeiten zu Staub zu werden. Alle guten Geister hatten sich von mir zurückgezogen. Was blieb war Abrieb, ein Pulver, das meine Umrisse nur noch als abgeflachte Bodenwelle wiedergab. Über Monate hatten meine Freunde jeden Morgen im Wechsel bei mir angerufen, um mit mir über Nichtigkeiten zu plaudern. Eigentlich wollten sie sich vergewissern, ob es mich noch gab. Nun bin ich hier, und Du bist das Wunder, das ich mit mir führe. Ziegel um Ziegel wachse ich wieder hoch, zu meinem eigenen maßlosen Erstaunen. Manches erinnert mich an mich selbst, anderes wird nach neuen Entwürfen errichtet, in deren hintergründiger Mitte ich Dich stehen sehe. Du wachst über die Lehmgruben. Deine Arme sind bemuskelt genug, mich gegen Angreifer in Schutz zu nehmen. Kämpfst Du, trägst Du Lasten oder stemmst nur zum Vergnügen ein wenig vom ausgebrochenen Zahngold der Welt? Dir fehlen die schlank und ergeben in den Schoß gewinkelten Arme großbrüstiger Frauen. Dein Haar folgt Dir wie silbern, wenn Du plötzlich mit heftigen Schritten um den Platz kreist. Es sind die weiten, ausgreifenden Schritte eines großen Menschen, - Du aber bist von kleiner Gestalt und schreitest, als besäßest Du die Längenfreiheit eines Capitán Alonso de Contreras. Und Dein Haarsilber, aus der Nähe betrachtet, hat sich eigentlich aus jeder Farbe gestohlen. Weiße Adern, rauchschwarze, erdbraune wechseln ineinander, ohne daß ein einziger Faden für sich selbst eine Melange einginge. Daraus streut ein dunkler Glanz wie von angelaufenen Rahmen und Spiegeln, matt, als hätte ihn ein vertrauter alter Schmied für Dich gehämmert. Aber Du weißt nichts von der Arbeit, die Du für mich tust. Und in mir reißt manchmal mitten in meiner Versenkung der Film und läßt mich allein mit Deiner Kopffeder zurück, die ich in vollkommen leeren Händen halte. Dann brüte ich über einem Hohlraum, dessen Einsturz jederzeit bevorstehen kann, nur eine Frage der Zeit, - meiner Zeit, die schnell lebt, sprunghaft und mehrgleisig.
Ein Brauhaus ist ganz dem Fleisch gewidmet. Nur seine Wände und Böden sind steinern. Man ißt sich aus jeder Stellung in das Tier hinein. Aus dem Hirn ins Herz, aus den Hoden zum Fuß, aus der Zunge ins Schiere aller Schubladen. Ich spüre das Bier über Treppe, Boden und Schuhe rinnen, die nasse, klebrige innere Verbindungslinie vom Hopfenfeld durch warmen Menschen zum Tod. Und ich bestelle, das Schiere kochen zu lassen, damit mir das Fett nicht mein Kinn poliert, wie den Landsknechten und fröhlich behuteten, behüteten Herren. Aber Du, denke ich, tanzt auf reinem Gras, einer Steppe fast ohne Fleisch. Trägst ein paar getrocknete Früchte zwischen den Falten Deines Umhangs. Ich sehe Dich von rechts her auf ein kleines braunes Pferd springen und zwischen meinen zusammengekniffenen Augen in der makellosen Sternnacht verschwinden. An einem menschenlosen Ort wirst Du die nächsten Jahre Deine Feuerstelle pflegen, wirst Deine Seele im Schatten eines Dorngestrüpps ausrollen und sie doch am Ende der Sonne ungeschützt preisgeben müssen, die sie so weiß gerbt, daß Du jedes Insekt darauf sofort entdeckst. Wenn es hoch kommt und genug Sprache in Dir aufsteigt, wirst Du mit unsichtbaren Göttern rechten. Und ist die Zeit der Einsamkeit vorüber, wirst Du vergessen haben wie man zählt, und alle Menschen, denen Du begegnest, werden Dir wie erste Menschen sein. Auch mich wirst Du nicht wiedererkennen. Ich werde mich einreihen in den Pulk Deiner Begrüßer. Alle wirst Du gleich behandeln, gleich freundlich und gleich lange in Deiner Ansprache. Und der Handschlag, den Du mir zuteilst, wird sich in nichts von Deinen Handformeln für die anderen unterscheiden. Ich werde meinen Mantelkragen etwas steifer stellen und den Schock wie eine Metallkugel in meinen Magen sinken lassen. Ich esse meinen Tafelspitz und habe Angst. Ich lasse den Meerrettich an der Zunge beißen und wäre, wenn möglich, hier weg wie ein ertappter Geist, um Dir mit dringlichen Gesten vor Augen zu führen, daß wir uns nicht verpassen dürfen. Die Sichtluke aus dem Dunkel hinein in unseren zeitübergreifenden Film ist plötzlich aufgegangen, - und für einen wunderbaren persönlichen Augenblick haben sich all unsere Muster entblößt und alle Konfigurationen zu erkennen gegeben, so absolut klar, daß sich für diesen heilignüchternen Moment des Fernblicks und Durchschauens beinahe bereitwillig wieder sterben ließe. Wir dürfen uns nicht verfehlen, um nichts in der Welt, hörst Du, wenigstens ein Mal müssen wir zusammen in diesen Guckkasten schauen, solange er aufgrund einer heimlichen, einer großartigen Regie für uns offen steht. Unser Terrain wird sich vervielfachen, ganze Ebenen, rein aus Prinzip für unbekannt und weiß gehaltene Länder gewinnen wir dazu. Wir können uns bis an den äußersten Rand gegen den Horizont bewegen und sind immer noch mitten unter uns. Also, verpaß mich nicht, Liebste, die noch nichts davon weiß, meine Liebste zu sein und Liebste von damals, hinter der magischen Öffnung, - als wir uns schrieben und schrieben und gemeinsame Tage mit äußerster Kunstfertigkeit aus dem Kalender unserer getrennten Leben schneiden mußten. Jetzt wäre Platz in Fülle für ein offenes Hand in Hand und Weltdurchkämmen, und die Limits unserer Zeitrechnung werden sich schneller selbst verwehen als wir sie belächeln können.
Ich habe in München auch eine Pflicht. Auf dem Nordfriedhof liegt der älteste meiner Freunde. Er hätte sich seine Asche ins Meer gewünscht, man hat es ihm aber anders gefügt. Ich fahre also hinaus, steige aus, kaufe die Blumen, die er am meisten liebte, und finde sein Grab, vor dem ich zum ersten Mal stehe. Ich weiß nach einigen scheuen Umrundungen: hier ist er selten und heute nur für mich. Ich skandiere ihm stumm seine Verdienste um mich, seine Handstreiche und unzähligen Gehhilfen für den, der ich zu seinen Lebzeiten war. Warum, Liebste, antwortest Du nicht, hier könntest Du es ungeniert in Gegenwart eines Dritten tun. Ich gab Dir Texte von mir, ungeschützt, nur auf einen vagen Verdacht Deiner wahren Identität hin. Warum meldest Du nicht ‚eingegangen‘, wenigstens doch das, und sei es zu meiner kleinen Beruhigung und als Halteseil für meine Geduld. Aber Du schweigst.
Ein Kirchendiener hat mich in der berühmten Gruft entdeckt. Er erklärt mir die Sarkophage der Wittelsbacher als seien es die Behälter mit den Körpern seiner Lieben. Er ist zutiefst von meinem Interesse überzeugt. Und der arme verrückte König kriegt die meisten seiner Sätze. Wieder am Tageslicht hast Du geschrieben. Du kümmerst Dich um Flaschenlämmer und rührst mit Deinen milchbenetzten Händen in diesem Frühling, den Du irritierend findest. Und gelesen hast Du. Für die Szene hinter dem Film bist Du also nicht verloren. Ich übe es daher schon Mal auf der Straße, den Mund im Schal versteckt. So erfährt niemand, wie es klingt, wenn ich ‚ich liebe Dich‘ flüstere.
Kapitel 3
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