Eine knallrosa Balkonlilie, an der ich schnuppern soll? Sollte das Symbolik sein, weiß ich sie nicht zu deuten, glaube aber doch zu verstehen, daß Du mich soeben eingeladen hast. Deine Wohnung liegt mitten in der Stadt. Ich meide Städte gerne, aber noch unbedingter möchte ich mit Dir über die Texte sprechen, die Du mir geschickt hast. Die Frage nach Deinem Geschriebenen, meinem Gelesenen liegt in der Luft und wartet auf ihren Moment, auf die richtige Dramaturgie. Du aber spielst mir auf Deinem Bösendorfer-Flügel vor, und Chopin klingt wunderbar hell darauf. Das erste Mal höre ich Dich spielen. Mein Magen reagiert sofort. Ich kann es mir nicht erklären. Meine Ellenbogen werden taub. In meinen Ohren schlagen Wellen. Die Barcarolle endet und endet nicht. Und als sie endet, reiße ich das Fenster auf. Im Vorbeigehen blinkt mich Dein Anrufbeantworter an. Als ich mich aus dem Fenster löse, weißt Du schon mehr. Langsam reichst Du mir den Telefonhörer. Man hatte versucht mich zu erreichen, all die Zeit schon, die Barcarollenzeit. ‚Dein Schimmel‘, sagst Du. Ein Trümmerbruch in der Fessel. Aus dem Nichts, aus dem Trab, aus freier Bewegung hat er sich die Barcarolle lang auf drei Beinen gehalten, mein Schimmel, mein vertrautes besonderes Pferd. Mir ist klar, ich kann nicht mehr hinfahren, die Entscheidung muß schnell getroffen werden, lange können sie ihn nicht mehr auf drei Beinen halten. Ich muß mich für seinen Tod entscheiden. Ohne mich wird er gehen. Gehen, obwohl ich nicht da war – weil ich nicht da war. Wäre ich da gewesen, hätte ich es vielleicht verhindern können, wenn ich nur dort gewesen wäre…
Du hast Dein persönliches Recht auf diesen einstweiligen Schnitt durch unsere Zeit. Wir werden uns lange nicht wiedersehen. Ein uralter Nerv in Dir ist angerissen. Bei Land- und Wasserstürzen nicht dabei zu sein, - so wird Dir der peristaltische Boden Deines Gewissens diesen nur von Dir angenommenen Mangel gestreut haben. Aber unter Deinen immer schon ersehnten wie niemals einzufordernden Pflichten als sprungtuchhaltende Freundin leidest nur Du. Allein dafür wärst Du zu lieben. Ich werde also warten, bis sich die Kopplungen in Dir nicht mehr zu wichtig nehmen. Aber dann bin ich hart und prosaisch, übe mich Dich herzulocken, mit Brot und Wein und seltenen Käsen. Mit einem kühlen Silvaner auf Deinem Stadtbalkon, etwas Apfelwiese, Erde und Brunnenwasser zur Sommerzeit. Doch bis zu Deinem Balkon kommen wir nicht. Wir stehen immer noch im Flur: vor mir das Flügelzimmer mit all den Bildern und Büchern. Dahinter der große Balkon mit dem gedeckten Tisch, neben uns das Schlafzimmer. Und hinter uns noch immer die Eingangstür. Ich schaue in Deine Augen. Was schwimmt in ihnen? Wo kommen sie her? Denn ich kenne sie. Ich kenne sie doch, Deine Augen? Kein Fragezeichen eigentlich. Du lächelst für uns beide.
Als wir aufstehen, die Rolläden auf Spalt ziehen, fließt der Mond über unsere nackten Füße. Mein Blick ertastet Dich von unten nach oben. Was das Halbdunkel freigibt, ist heimlich und schön. Dann wendest Du Deinen Kopf aus dem Profil zu mir herüber. Ich erschrecke. Deine Augenlider sind wie aufgeblasen, unterschwemmt von liquiden Wulsten. So bist Du mir ungewollt fremd, ein Wesen aus exotischer Region. Aber Du willst unbedingt keinen Arzt. ‚Meine Augen lassen sich nicht drängen‘, sagst Du, ‚meine Augen wollen Zeit.‘ Ich wüßte nicht, wann je ich Dir Zeit verboten hätte.
Später, nach und nach, richten sich meine Augen klarer aus. Mein Blick gewinnt an Tiefenschärfe. Ich lese Deine Texte mit meiner eigenen inneren Lupe. Und allmählich beginnen wir zu sprechen. Über innere Bilder. Erinnerungen. Darüber, wie ich Deine Dinge lese. Über Biographie und Phantasie. Und über die große Ausrede der Fiktionalität. Noch bleiben wir unbestimmt. Wagen keine Namen. Ich will mir erst sicher sein.
Als ich schließlich in Deinem Flügelzimmer vor ein Regal trete, bin ich allein in Deiner Wohnung. Bei Deinen Büchern. Vor Deinen Bildern. Und ich weiß genau, wo ich zu schauen habe. Wußte es schon die ganze Zeit. Nur habe ich mich bislang nicht weiter als aus den Augenwinkeln gewagt. Doch jetzt. Ich ziehe eine Biographie und setze mich in den Sessel. Den Sessel an Deiner Bilderwand, voll mit Stichen und Fotografien. Hier will ich mich aufhalten, von Landkarten über ferne Kontinente geleiten und an der Hand von alten Stadtplänen durch vergangene Viertel führen lassen. So besuche ich das Paris der Julimonarchie und London zur Jahrhundertwende, versuche mich an einem kentischen Pachtvertrag und bin beim Earl of Pembroke zum Tee. Die „Allgemeine Kleidungs-Charte der Weltbewohner“ von 1782 belehrt mich, wo „Kleidung von Pflanzenzeugen“ getragen wird, wo Tierfelle die Baumwollkleider ablösen und wo ich schambewußt das Kolorit aus dicker schwarzer Tinte zu übersehen habe, das nur mühsam die Gebiete „Völliger Nacktheit“ verdeckt. Ganz anders empfangen mich da die vielen berühmten Landsitze: diskret verkünden sie ihren Adel und zeigen vielleicht nur wenig Verständnis, wenn ich sie verlasse, um ein Stündchen den Schäfern in ihre vorgelagerten Idyllen zu folgen. Einzig vor Rousseaus Eremitage in Montmorency finde ich keinen Einlaß, hohe Mauern versperren mir die Sicht, und das übermannshohe schmiedeeiserne Tor bleibt fest verschlossen. Ich schweife also weiter und gelange dorthin, wo der Druckgraphik eine Reihe von Fotografien folgt. Und dennoch wieder Abwehr: ein kleines Haus in weiß gestrichener Bretterverkleidung, seine Gartenmauern nicht so hoch wie die der Eremitage, doch streng genug, sich vor allzu nahetretenden Blicken zu verwahren. Ein weiterer Blick in die Runde zeigt, daß Deine Fotos, so verschieden auch immer in Format und Motiv, nach langjährigem Sonnenbaden eine beinahe einheitliche Farbe tragen. Alle bis auf eines. Das einzige in schwarz-weiß. Es wirkt seltsam, wohl nur die Wiedergabe eines Fotos, wahrscheinlich aus einem Buch, man sieht es an der grobkörnigen Auflösung, wie aus einem Paperback, wie aus der Biographie, die ich gerade in den Händen halte, es scheint das gleiche Papier zu sein. Ich blättere, suche, beginne zu lesen, ich finde die fehlende Seite, die Seite mit dem Foto, dem Foto aus dem Rahmen, dem Foto an Deiner Wand. Dort wo die Seite fehlt, liegt ein Zettel, handgeschrieben, von Deiner Hand geschrieben. Ich lese ihn nicht. Stelle das Buch wieder zurück an seinen Platz. Das Foto schaut mir noch lange hinterher.
Auch in den nächsten Tagen fühle ich immer wieder seinen Blick in meinem Rücken. Ich weiche ihm aus, erwidere ihn nur selten. Es ist mir fast, als würde ich etwas Verbotenes betrachten. Du sagst nichts. Doch das Foto fordert mich auf. Und immer häufiger greife ich an vorgemerkter Stelle zu den Büchern. Betrachte darin all die Bilder und Fotografien. Viele gibt es, ein gut dokumentiertes Leben. Die meisten wahren eine altmodische Distanz. Verblichen und vernebelt erscheinen sie im Sfumato vergangener Zeiten, und ich möchte sie unwillkürlich als historische Relikte einordnen. Es gelingt mir nicht. Vielleicht noch am ehesten bei den Jugendbildnissen: Frisuren und Mode lassen ein sanftes Befremden aufkommen und verkünden die Aura entschwundener Zeitzeugen. Anders auf den Bildern mit den vielen Freunden: ich überblättere die meisten, warum auch immer.Und dann die wenigen, so bekannten Farbfotos. Besonders eines fällt ins Auge: ein seltener direkter Blick in die Kamera, ein wenig aus der Untersicht läuft er aus der Tiefe des Bildes nach oben, läuft über die Zigarette hinweg weit aus dem Bild heraus, läuft direkt in meine Augen. Meine Augen kennen diesen Blick. Sie wissen mehr als ich. Sagen mir, wie dieser Blick sie trifft, in sie eindringt, eine Injektion, die nicht aufzuhalten ist. Sie können sich nicht widersetzen, lassen den Blick passieren, bis er aufschlägt an dem Punkt in mir, an dem es kein Weiter mehr gibt. An dem sich jede Resonanz versagt. Crash der Stille. Und ich weiß, daß sie sich vollkommen decken, daß sie nie Zweierlei waren: Blick und Augen auf dem Foto – Augen und Blick, die ich gleich sehen werde, wenn Du durch die Tür kommst.
Kapitel 7
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