Die Dauer des Fluges übertrifft kaum die Länge eines meditativen Gedankens. Ein Jahr später ist es uns gelungen, nach London zu fliegen – lächerlich, wenn man Normalität und Alltäglichkeit solcher Reisen als Gradmesser für unsere peniblen Vorbereitungen nähme. Über den Kanal schwebend fällt unser Bewußtsein zwischendurch auf die Ebene Null des Meeresspiegels. Wir riechen die üblen Ausdünstungen der alten Fähren bei Seegang. Wie die Kreidefelsen sich in die Brust werfen aus der Perspektive von wenigen Metern über der Gischt. Alles ist genauestens geplant, wir sind gerüstet und gehen nun widerstandslos davon aus, daß wir auch dürfen, was wir tun. Die fallenden Schranken unseres ersten Versuchs erscheinen uns sinnvoll. Und vergangen. Jetzt gelten andere Regeln, solche, die uns als Subjekte einer reaktivierten Spezies nicht ausschließen. In unserer Seelenuniform werden wir kommentarlos durchgewunken. Wir sind als ungefährlich enttarnt. Vielleicht hat irgendeiner, der es besser weiß, uns als nützlich eingestuft. Oder – und das mag am wahrscheinlichsten sein – unsere Vorstellungen haben sich bereits vorauseilend über das Heute gefaltet, denn die Landschaft, die wir soeben hinter uns gelassen haben, setzt sich im grünen Pool um London fort. Dieselben Wiesen und morgentlichen Nebel, sanft geschwungene Bodenwellen und nur eine etwas höhere Dichte gravitätischer, solistischer Eichen als kleines Merkmal verbliebener Unterscheidbarkeit.
Wie sich auch unsere heutige Sprache von unserer damaligen gerade so viel unterscheidet, daß wir uns frei bewegen können. Ebenso in den vielen Antiquariaten, unseren ganz besonderen Orten. Wonach wir suchen? Wir nennen unsere Namen mit uralter Geläufigkeit. Wir treten vor die Regale, etwas beklommen, ob unsere Bücher uns sehen wollen. Von Dir gibt es fast immer etwas, fast immer hinter Glas. Von mir gibt es einiges, eigentlich immer zu bezahlen. Nur einmal nicht: eine Sonderausgabe in einem schönen Einband. Woher dieser Preis? Vorsichtig schlagen wir sie auf. Ja, natürlich eine Erstausgabe, erfahren wir auf der ersten Seite links. Und noch bevor wir umblättern, schimmert sie durch. Die Widmung zieht sich quer über die ganze Seite, sehr gerade und doch nicht ordentlich, mehrere Zeilen in bestimmend-schmeichelndem Tonfall. Für irgendwen „von der Mutter der Autorin“. Wie fühlt sich das an?, fragst Du. Aber ich suche nicht wirklich nach einem Gefühl. Stattdessen finde ich ein Regal weiter Dein Landwirtschaftsbuch... Hundezucht und Ackerbau… Ich verteidige mich nicht. Brauchst Du auch nicht, wo Du ja vollauf damit beschäftigt warst, im Matsch zu wühlen und Stauden auszubrüten. Immerhin bin ich inzwischen vom Hund aufs Pferd gekommen. Was die Dauer Deiner landwirtschaftlichen Beschäftigung ungefähr um das Mehrgewicht des Pferdes verlängern dürfte. Du weißt, ich kann tagelang kein Buch anfassen, monatelang keine Zeile schreiben. Aber ich kann jeden Tag aufs Pferd steigen. Das macht die Anwesenheit in einem Antiquariat wirklich zu einer therapeutischen Notwendigkeit. Sie wird uns hoffentlich beiden nützen...
Und dann finden wir einen Brief vom 16.10.1934. Vorne in eins meiner Bücher eingeklebt. Nicht sehr persönlich, nicht handgeschrieben, eine Absage in Schreibmaschine, wohl an eine Freundin. Nicht der Name der Freundin, nicht der Briefkopf mit der Adresse. Aber die Eile des Geschriebenen ist es, das Genervt-Unwirsche hinter der Nachricht. Ein wenig der Geruch des Briefbogens. Aber vor allem das blaue Papier... mein nie abgegebenes Blau. Wir kaufen das Buch. Und schließlich auch eines von Dir, mit einem großen Riß durchs Portemonnaie. Aber Du sagst, der leibliche Muschelkalk Deiner eigenen Bücher ist Dir nicht wirklich wichtig.
[...]
|
|